Zu allem eine Meinung haben
Wir leben in einer Zeit, in der sogar eine Pizza etwas darstellen muss.
Nicht schmecken.
Nicht satt machen.
Sondern wirken.
Es geht nicht mehr ums Essen.
Es geht darum, gesehen zu werden, während man isst.
Und wenn niemand hinschaut, fühlt sich nicht die Pizza sinnlos an –
sondern der ganze Aufwand drumherum.
Manchmal komme ich da nicht mehr ganz mit.
Nicht, weil ich es nicht verstehe.
Sondern weil es müde macht.
Heute hat man oft das Gefühl, man muss nicht einfach nur leben –
man muss dabei auch noch gut aussehen.
Am besten gleichzeitig erfolgreich, entspannt, informiert
und bitte so, dass es jemand bemerkt.
Ich ertappe mich dabei, wie ich Dinge nicht mehr nur erlebe,
sondern innerlich schon mitdenke, wie sie wirken könnten.
Ob sie zeigbar sind.
Ob sie irgendwem gefallen würden.
Ob sie „reichen“.
Und nein – das ist kein Vorwurf an die anderen.
Das passiert leise.
Schleichend.
Fast wie eine App, die im Hintergrund läuft
und ständig fragt:
„Willst du das wirklich nur für dich behalten?“
Ich bin ein Kind der 70er und 80er Jahre.
Und bevor jetzt jemand innerlich die Augen verdreht:
Nein, früher war nicht alles besser.
Aber manches war… weniger beobachtet.
Auch damals gab es Angst, Konflikte und politische Spannungen.
Und ja – die Sorge vor einem Atomkrieg war sehr real.
Wir hatten unsere Themen.
Unser Chaos.
Unser Ringen mit Erwartungen und Rollen.
Aber wenn ich zurückblicke, dann erinnere ich mich an etwas anderes:
Wir wollten Dinge verändern, weil wir Lust darauf hatten.
Nicht, weil wir auffallen mussten.
Natürlich hatten wir Idole.
Wir probierten uns aus.
Aber wir wollten keine Kopie sein –
sondern unsere eigene Version davon.
Ich kann mich nicht erinnern,
dass der Beliebteste der war, der am lautesten gebrüllt hat.
Oder der größte Pausenclown.
Gemeinsamer Spaß war wichtiger als Selbstinszenierung.
Natürlich wollten wir gesehen werden.
Attraktiv.
Interessant.
Aber nicht um jeden Preis.
Heute fühlt sich vieles extremer an.
Superlativer.
Alles muss „am tollsten“ sein.
Schöner.
Besser.
Und bitte mit klarer Meinung – sofort.
Du sollst Stellung beziehen.
Am besten eindeutig.
Am besten laut.
Und bitte so, dass man dich klar einordnen kann –
wie ein Regal im Möbelhaus.
Aber wo liegt sie denn eigentlich – diese Wahrheit?
Welche Information ist richtig?
Welche gefärbt?
Welche einfach nur gut verpackt?
Ideologien stehen links und rechts wie Türsteher
und beide behaupten, sie hätten den exklusiven Zugang zur Realität.
Herz und Kopf ringen.
Und irgendwo dazwischen sitzt die Angst
und flüstert:
„Bitte nicht die falsche Richtung.“
Wenn ich ehrlich bin –
das alles macht mich müde.
Und nein, nicht diese angenehme
„Ich-schlaf-mal-drüber“-Müdigkeit.
Eher die Sorte, bei der man innerlich schon gähnt,
bevor man überhaupt reagiert.
Dieser permanente Informationsstrom.
Dieses ständige Bewerten.
Dieses Gefühl, zu allem eine Haltung haben zu müssen.
Manchmal denke ich, es wäre besser,
hin und wieder weniger zu wissen.
Weniger zu reagieren.
Weniger einzuordnen.
Nicht aus Gleichgültigkeit.
Sondern aus Selbstschutz.
Denn was ich wirklich möchte, ist genau das:
mich schützen.
Nicht vor der Welt.
Nicht vor Menschen.
Sondern vor Kränkungen, Hass
und diesem kalten Extrem,
das alles nur noch in richtig oder falsch aufteilt.
Ich will mich nicht verschließen.
Ich möchte nicht abstumpfen.
Und mir soll auch nichts egal werden.
Ich will mich und andere spüren,
ohne dabei kalt zu werden.
Ich will verbunden bleiben,
ohne mich ständig erklären zu müssen.
Ich will nicht aus der Gesellschaft verschwinden.
Ich möchte einfach so sein dürfen, wie ich bin.
Denken, was ich denke.
Fühlen, was ich fühle.
Ohne verurteilt zu werden –
und ohne selbst zu verurteilen.
Vielleicht ist nicht die Welt das Problem.
Vielleicht ist es der Zwang, zu allem eine Meinung haben zu müssen.
Dieses permanente
„Ich bin auch noch da.“
Und vielleicht geht es gerade gar nicht darum,
weniger Welt zu haben –
sondern wenigstens einen inneren Ort,
an dem man nichts darstellen muss.
Und einfach nur
ICH
sein darf.
Über den Autor:
Robert Plaschke ist nicht nur Buchautor und Speaker, sondern auch ein leidenschaftlicher Vortragender mit zwei Jahrzehnten Erfahrung. Als Experte in den Bereichen Unterbewusstsein, Motivation, Kommunikation und Bewusstseins-bildung inspiriert er seine Zuhörer nicht nur, sondern motiviert sie auch, aktiv ihr Leben zu verändern und zu verbessern. Mit diesem Blog möchte er Menschen dazu anregen, Schritte in Richtung eines glücklichen und erfüllten Lebens zu unternehmen. Lass dich von Robert inspirieren und entdecke Strategien, um dein Leben auf ein neues Level zu heben.